You load 16 hours and what do you get?

Der EuGH hat gesprochen und das Land ist im Aufruhr. Arbeitszeiterfassung – was für ein Anachronismus. Die meisten Kommentare beschwören das Bild antiquarischer Stechuhren herauf und damit den Muff längst vergangen geglaubter Jahre mit Steinkohlekumpeln, die in ihre Grube einfahren oder Behörden, die teilweise noch in den Neunzigerjahren ihre Angestellten mit Pappkarten an Stempelmaschinen hantieren ließen. Woher ich das weiß? Ich hatte in dieser Zeit als studentische Hilfskraft am Institut für Weltwirtschaft gearbeitet und Ärger bekommen, weil ich die Stempelei entweder ständig vergessen hatte oder gar nicht vornehmen konnte, weil ich zum Programmieren nicht unbedingt die dortigen Büroräume brauchte.

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Selbstgehostetes Grauen

Es klingt so einfach: Statt viel Geld für externe Dienstleistungen auszugeben und dann doch nicht das zu bekommen, was man eigentlich wollte, stellt man sich doch lieber selbst einen Server in den Keller und betreibt die eigene Infrastruktur dort. Für Privatpersonen, Familien oder kleine Vereine mag das sogar eine gute Idee sein. Sobald aber eine größere Menge Menschen vom stablien Betrieb des Servers abhängt, und “größer” kann hier je nach Kritikalität schon bei einem oder zwei Dutzend Menschen anfangen, lautet meine Empfehlung: So lange ihr nicht mindestens ein oder zwei bezahlte Leute habt, die sich in Vollzeit um Eure IT kümmern, lasst es bleiben. Das gilt auch und insbesondere für Schulen.

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Abratende Akzeptanz

Nachdem der EKD-Datenschutzbeauftragte im Mai 2018 den dienstlichen Gebrauch von Whatsapp praktisch ausschloss, hat er jetzt seine Haltung relativiert. Viele zitieren von seiner dreiseitigen Stellungnahme exakt einen Satz:

Vom Einsatz dieser Messenger-Dienste [Whatsapp und Telegram] wird deswegen abgeraten.

und schließen daraus messerscharf: Abraten ist etwas Anderes als Verbieten – dann ist ja alles super, wir können also Whatsapp weiter nutzen.

So einfach scheint mir das nicht zu sein.

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Durchatmen nach dem Doxing

In diesen Tagen verbal auf dem Teppich zu bleiben, ist nicht gerade einfach. Da häuft ein fleißiger Teenager mit viel Geduld und wenig technischem Können einen Haufen persönlicher Daten über eine Reihe mehr oder weniger prominenter Personen an, und die Republik steht Kopf. “Warum muss es erst Jan Böhmermann erwischen, bis ihr aufwacht?” “Seit sechs Jahren predigen wir euch fast im Wochenrhythmus, ihr sollt eure Passworte wechseln, und ihr winkt ab. Warum seid ihr jetzt so überrascht, wenn der längst überfällige Knall kommt?” Ich hätte noch ein paar spitze Bemerkungen, andererseits bringt es nicht besonders viel, sich mit großer Geste das “Told-you-so”-T-Shirt überzustreifen. Dafür bietet das Thema zu viele interessante Aspekte. Jetzt, da sich die erste Aufregung gelegt hat, können wir uns die Zeit nehmen, einige davon etwas ruhiger anzusehen.

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Der 35c3, die Politik und das Fotografierverbot

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Der 35. Chaos Communication Congress ist leider vorbei. Jetzt setzt offenbar die Post-Congress-Depression ein. Schon während der Veranstaltung hatte ich das mulmige Gefühl: Es läuft zu glatt. Es gibt zu wenig Ärger. Die Leute kommen zu gut miteinander aus. Die Koordination ist zu gut. Die Verpflegung ist zu professionell organisiert. Das Netz ist zu stabil. Es gibt zu wenig Schlangen. Auch auf Twitter, in meinen Augen dem Drama-Medium schlechthin, gab es zwar einige nette Versuche marktschreierischer Selbstinszenierung, aber die verpufften überraschend schnell. Die Protagonisten scheinen sich ihre schlechte Laune für Tag 5 aufgehoben und dabei übersehen zu haben, dass da schon abgebaut wird. Das finde ich sehr freundlich, so bleibt das Geschrei wenigstens in der Familie.

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Software als Religionsersatz

Auch wenn es die Überschrift nahe legt: Ich war zwar vor zwei Wochen auf einem Barcamp der Evangelischen Kirche, habe mich dort erstmals seit Jahren wieder auf einem Barcamp wohlgefühlt, aber darum geht es in diesem Beitrag nicht. Es geht um eine Veranstaltung, die ich etwa eine Woche später besuchte und auf der mir wieder einmal auffiel, was mich alles an meiner eigenen Filterblase abstößt. Es ist vor allem die Absolutheit, Verbohrtheit und der Fanatismus, mit der die eigene Überzeugung zum Maßstab erhoben wird.

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Und wenn das Fahrrad jetzt blau ist?

Es ist schon ein gutes Vierteljahrhundert her, da saß ich in meiner alten Kirchengemeinde in einer Sitzung und lauschte einer Diskussion. Ich weiß gar nicht mehr genau, worum es ging. Wahrscheinlich war es die Frage, wie die Hinfahrt zur Mitarbeiterfreizeit organisiert werden soll. Wir hatten uns ein paar VW-Busse gemietet, aber da ein paar Leute später mit dem Fahrrad nachkommen wollten, ging es darum, ob und wie wir deren Gepäck mit den Bussen transportieren können. Im Prinzip war alles klar, irgendwie mussten wir dafür sorgen, das zusätzliche Gepäck einzusammeln, aber statt diese Frage zu klären, verstrickten sich einige Leute in Grundsatzdebatten über Ökologie, der Verkehrstüchtigkeit eines bestimmten Fahrrads und den optimalen Zeitpunkt der Abfahrt. Die Diskussion verästelte sich in immer fisseligeren Details, bis es mir zu dumm wurde und ich die Frage stellte: “Und was, wenn das Fahrrad nun blau ist?” – einfach, um durch Überspitzung anzudeuten, dass wir möglicherweise uns ein kleines bisschen vom eigentlichen Thema entfernt hatten. Statt dessen:

“Ja, stimmt, was, wenn das Fahrrad… warum lacht ihr alle?”

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