Software als Religionsersatz

Auch wenn es die Überschrift nahe legt: Ich war zwar vor zwei Wochen auf einem Barcamp der Evangelischen Kirche, habe mich dort erstmals seit Jahren wieder auf einem Barcamp wohlgefühlt, aber darum geht es in diesem Beitrag nicht. Es geht um eine Veranstaltung, die ich etwa eine Woche später besuchte und auf der mir wieder einmal auffiel, was mich alles an meiner eigenen Filterblase abstößt. Es ist vor allem die Absolutheit, Verbohrtheit und der Fanatismus, mit der die eigene Überzeugung zum Maßstab erhoben wird.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich halte freie und offene Software für die beste Erfindung seit geschnitten Brot. Sie hat mir eine große Zahl phantastischer Programme eingebracht, die ich einfach ausprobieren und nutzen kann, ohne irgendwen dafür um Erlaubnis fragen zu müssen. Ich brauche keine Lizenzschlüssel einzugeben, muss nicht beim Support betteln, dass ich die Testversion noch eine Woche länger nutzen kann, und wenn etwas klemmt, gibt es viele Foren, in denen ich Hilfe bekomme. Zur Not hat irgendwer einen Patch zur Hand, der den beobachteten Mangel unkompliziert behebt. Für mich, für meinen ganz persönlichen Anwendungsfall ist Freie Software ein wahrer Segen. Das kann bei Ihnen allerdings ganz anders sein. Ich behaupte sogar: Viele Menschen sind mit dem proprietären Microsoft-Universum besser bedient als mit jeder noch so ausgefeilten Linux-Distribution.

Solche Sätze hört man in meinen Kreisen nicht gern. Einmal sprang bei einem Vortrag von mir ein Entwickler auf, rannte auf mich zu und war kurz vor der Handgreiflichkeit, weil ich es zu sagen gewagt hatte, mir sei es völlig egal, ob Software nur offen oder frei ist, wenn es mir nur darum ginge, anhand des Quellcodes ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen. Mir ist natürlich klar, dass mir freie Software erhebliche Vorteile bietet, wenn es darum geht, Schwächen im Code zu beheben. Besonders deutlich wurde das, als die Arbeit an Truecrypt, eine zum damaligen Zeitpunkt extrem weit verbreitete Software zur Datenträgerverschlüsselung, buchstäblich über Nacht eingestellt wurde und es aus Lizenzgründen nicht möglich war, sie weiter zu entwickeln. Sie war eben nur offen, nicht frei. Die heute bekannte Nachfolgesoftware Veracrypt stellt streng genommen einen Lizenzverstoß dar. So lange allerdings keine schwerwiegenden Fehler im Code entdeckt wurden, war das alles aber auch nicht so schlimm, ging es doch zunächst nur darum, zu klären, ob man dem Programm vertrauen kann. Konnte man.

Auf besagter Veranstaltung setzte ich mich also ins Publikum, klappte mein Notebook auf und bekam prompt einen angewiderten Kommentar meines Sitznachbarn, warum ich denn Windows auf meiner Maschine hätte. “Nun, guter Mann”, entgegnete ich. “Privat nutze ich Linux, aber das hier ist mein Dienstrechner, und da lautet die Vorgabe nun einmal Windows. Es ist nicht mein Lieblingssystem, aber ich komme damit klar.” Natürlich wusste ich, dass ich damit in seiner Achtung noch weit unter Judas Iskariot sank, aber es gibt Leute, deren Verachtung ich als Auszeichnung betrachte.

Auf einer Cryptoparty kam einmal jemand auf mich zu und bat mich, ein bestimmtes Programm nicht mehr zu empfehlen. Natürlich wollte ich wissen, warum.

“Ja, das ist nicht Open Source.”

Sekunde, ich öffne kurz die Webseite, etwas blättern, da steht es: Open Source.

“Ja, nee, die verschicken die Sourcen nur als Zip, aber die stehen nicht auf Github. Das ist kein echtes Open Source.”

Verstehen Sie jetzt, was ich meine? Weiter in der Geschichte: Natürlich musste ich mir anhören, es sei ja total böse, dass ich Google nutze. In solchen Fällen hake ich gern einmal nach, ob da außer ideologischem Geschwafel auch so etwas wie Substanz vorhanden ist. Ich argumentiere gern, dass für mich die personalisierte Google-Suche trotz aller Datenschutzbedenken Vorteile bietet. Unter anderem sorge mein Profil dazu, dass gerade bei mehrdeutigen Suchbegriffen mir gerade die Variante angezeigt wird, die für mich relevant ist. Wenn ich als Mathematiker beispielsweise nach der Textbeschreibungssprache LaTeX suche, brauche ich syntaktische Hinweise und keine Fetischkontakte. Nein, meinte mein Sitznachbar, ich solle doch Startpage benutzen und dort fleißig die Treffer auf Mathematikseiten anklicken, dann lerne die Suchmaschine das auch irgendwann einmal.

OK, Herzl, auf wie epischem Niveau hast du nicht begriffen, wie personalisierte Suche funktioniert und vor allem: Ist dir klar, wie Startpage arbeitet?

Erstens: Die weit überwiegende Mehrheit dieses Planeten interessiert sich mehr für Schaukelspielchen als für Mathematik. Da kann unser verschrobener Nerdhaufen klicken, bis die Maustaste auf die Tischplatte hämmert, das wird am Ranking nichts ändern. Zweitens will ich gar nicht, dass die Welt künftig nur noch Matheseiten sieht, sondern ich will, dass ich sie sehe. Ich zwänge doch nicht den Anderen meine Interessen auf. Vor allem aber drittens: Startpage ist nichts weiter als ein Anonymisierungsproxy, der meine Suchanfrage an – jetzt festhalten – Google weiterleitet. Warum ich darin ein Manko sehe? Weil sich auf diese Weise rein gar nichts am Machtgefüge der Suchmaschinen ändert. Startpage hängt schmarotzend an der Zitze von Google. Wenn es dem Konzern passt, reicht eine Firewallregel, und Startpage läuft ins Leere. Was wirklich Abhilfe schaffte, wäre eine eigene Suchmaschine, aber wenn ich mal ganz dezent darauf hinweisen darf: Sowas nudelt man sich nicht an einem Wochenende auf seinem Raspberry Pi zusammen. Es gibt ein Flächendiagramm, das die Aufteilung der weltweiten zivilen Rechenkapazität zeigt. Irgendwo unter “ferner liefen” gibt es ein paar Pixelchen. Das sind Sie und ich mit unseren Kaufhaus-Rechnern. Dann kommen einige etwas deutlicher sichtbare Klötze. Das sind die Supercomputer. Den Großteil des Diagramms nehmen aber drei riesige Flächen ein: Google, Amazon und Facebook. Die Grafik ist schon etwas älter. Vielleicht hat sich durch die Bitcoin-Mining-Rechenzentren die Lage etwas verschoben. Die Hauptbotschaft aber lautet: Selbst wenn Sie es hinbekämen, einen zum Page-Rank vergleichbaren Algorithmus zu schreiben – Sie bräuchten immer noch Speicherplatz und Rechenleistung, um ihn vernünftig laufen zu lassen. Es gab in den USA einen Stausee, dessen angeschlossenes Kraftwerk keinen anderen Sinn hatte, als eine Aluhütte zu versorgen. Irgendwann schloss die Aluhütte, und es kam – Google. Mit einem seiner Rechenzentren. Die Betonung liegt auf “einem”. Was ich damit sagen möchte: Um mit Google konkurrieren zu können, brauchen Sie mehr als ein paar engagierte PC-Bastler. Das ging vielleicht noch in den Neunzigern. Heute brauchen Sie dazu Millionenbeträge – wenn Sie denn damit auskommen. Alternative Ansätze wie DuckDuckGo in allen Ehren, aber wenn ich eine Suchanfrage stelle, bei der es nicht darauf ankommt, exakt die von mir eingegebenen Begriffe zu finden, sondern etwas, das semantisch passt, habe ich mit Google einfach bessere Erfahrungen gesammelt.

Die Veranstaltung ging weiter, und irgendwann meinte mein Sitznachbar, sich an der Diskussion um Sinn und Unsinn sozialer Netzwerke mit einem Redebeitrag beteiligen zu müssen, in dem er darlegte, er verstünde gar nicht, warum die Leute so heftig über die Datenschutzprobleme bei Whatsapp diskutieren. Es sei doch alles ganz einfach: Whatsapp nicht nutzen. Er brauche das schließlich auch nicht.

Ich habe schon an anderer Stelle darüber geschrieben. Eine der dümmsten Haltungen, die mir in den letzten Jahrzehnten begegnete ist die: “Ich habe es geschafft, diese technische Entwicklung zu ignorieren. Im Zweifelsfall war ich schlicht zu dumm, zu begreifen, wozu man sie brauchen kann, und nur, weil diese Erkenntnis in meinen Quadratschädel nicht reingeht, sollen alle anderen ebenfalls ohne diese Technik auskommen.”

Die Frage, ob ich etwas brauche, ist in diesem Kontext belanglos. Ich brauche Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und mindestens 1.500 Kalorien am Tag, um nicht zu verhungern. Natürlich brauche ich kein Mobiltelefon, geschweige denn ein Smartphone. Ich brauche kein Navigationssystem, wenn ich an jeder Tankstelle einen Stadtplan kaufen kann, und selbstverständlich brauche ich kein Facebook, kein Instagram und kein Whatsapp. Ich kann meine Nachrichten zur Not auch per Brief schicken. Die Frage ist doch: Will ich das?

Diskussionen mit Puristen verlaufen immer nach dem gleichen Schema. Nehmen wir ein Beispiel. Sie beklagen sich, dass die Fußnotennummerierung von Word nicht funktioniert. Damit Sie das Ablaufdiagramm leichter verstehen, habe ich die Antwort des Puristen rot, Ihre grün markiert.

  1. Mögliche Antwort: “Ja, was nimmst du auch Word, nimm doch Libre Office.” Weiter mit 3.
  2. Mögliche Antwort: “Ja, was nimmst du auch Word, nimm doch TeX. (Ist total simpel, wenigstens für alles überragende Genies wie mich, die schon Mühe haben, sich vorzustellen, dass Dumpfbacken wie dir so etwas schwer fallen kann.)”
  3. “Hab ich schon probiert, aber mein Arbeitgeber akzeptiert nur MS-Office-Formate.” Weiter mit 5.
  4. “Biste bekloppt? Ich will eine bescheuerte Projektdokumentation schreiben, keine Masterarbeit in Physik.” Weiter mit 6.
  5. Mögliche Antwort: “Na, dann wechsel doch einfach den Arbeitgeber. (Ich wechsle ständig, weil ich so wahnsinnig toll bin, dass mich alle haben wollen und jeden Preis zahlen.)” Weiter mit 7.
  6. Mögliche Antwort: “Na, dann kann ich dir auch nicht helfen, wenn du nicht einmal Zeit hast, dich tagelang in die TeX-Syntax einzuarbeiten. (Mein Arbeitgeber lechzt dermaßen nach meiner intellektuellen Ambrosia, dass er mir mit Freuden die Zeit dafür gibt.)”
  7. “Hömma, Spaßvogel, ich habe einen Kredit abzuzahlen, zwei Kinder durch die Schule zu bringen und leider nur ein sehr mäßiges Diplom aufzuweisen. Ich werde nicht meine materielle Existenz wegen einer Word-Datei riskieren.”
  8. Antwort: “Meine Güte, komm runter. Du stellst dich vielleicht an. Dann schreib doch mit Füller. Ist eh viel besser als ständig auf den Bildschirm zu starren. Also, ich schreib ja sowieso alles Wichtige mit der Hand.”

Sehen Sie die Haltung? Der Purist hat die Antwort schon, bevor Sie Ihre Frage gestellt haben, und er wird sich keinen Millimeter bewegen, nur weil sie nicht zueinander passen. In seinen Augen sind Sie der Idiot, weil Sie ständig herumeiern, während er von einem moralisch hohen Punkt aus Ihnen helfen wollte, aber Sie haben sich ja gesträubt. Es ist so, als kämpften Sie als Ertrinkender verzweifelt Hilfe rufend um Ihr Leben, und er stünde direkt neben dem Rettungsring am Ufer, riete Ihnen aber, sich ordentliches Schuhwerk zuzulegen, weil man an Land laufend auch nicht ertrinken kann. Korrekte Aussage, trotzdem komplett unqualifiziert.

Ähnlich ist es mit sozialen Medien. Wie oft sind mir schon in den letzten Jahren die ultimativen Twitter-Killer präsentiert worden. Insbesondere, wenn Twitter wieder einmal aus Sicht der Puristen eine Todsünde begangen hat (“280 Zeichen, wie kann man nur? Damals, als der Kanzler noch Schnurrbart trug, da hatten wir 140 Zeichen, und das war gut so.”). Ein paar Tage ist dann da auch richtig was los, bei Diaspora, Mastodon, Riot, Rocketchat, Slack und wie sie alle heißen, doch das ebbt schnell ab, wenn die Leute feststellen, dass sie auf ihren Inseln der moralisch Integren nur wieder die gleichen zehn Langweiler treffen, mit denen sie schon auf den anderen toten Plattformen abgehangen haben. Wer Reichweite will, der geht vielleicht zu Twitter, mit Sicherheit aber zu Facebook.

Da ist es. Das F-Wort. Manchmal glaube ich, einige Leute hätten kein Problem damit, wenn ich jeden Abend mit einer Hakenkreuzfahne durch die Vororte ziehe und dort Ausländerwohnheime anzünde, so lange ich dafür kein Facebook-Event einstelle. Umgekehrt könnte ich die globale Erwärmung umkehren und ein Mittel gegen Krebs erfinden – wenn ich darüber auf Facebook poste, stehe ich in einer Linie mit Adolf Hitler, Josef Stalin und Idi Amin.

Wir brauchen nicht darüber zu streiten, ob man Facebook wegen seiner ungehemmten Datensammelwut meiden sollte. Natürlich sollte man. Aber wir sollten auch anerkennen, wenn Leute sich nicht aus reiner Bequemlichkeit, sondern nach gründlichem Nachdenken dazu entschließen, sich einen Facebook-Zugang zuzulegen. Als kirchlicher Datenschutzbeauftragter habe ich mich viel mit der Frage beschäftigt, wie ein datenschutzkonformer Umgang mit Facebook aussehen kann. Ich ärgere mich sehr über die Haltung „hamwer halt genommen, macht man eben so“, und habe auch keine Hemmungen, da querzuschießen. Andererseits bekomme ich auch Mails, in denen mir kirchliche Mitarbeiterinnen detailliert ihre Arbeit beschreiben und klar wird: Wenn ich denen mit der Verbotskeule komme, habe ich mich vielleicht rechtlich auf die richtige Seite gerettet, aber ich habe keinen Ausweg beschrieben. Streng genommen ist das auch nicht meine Aufgabe, aber wenn ich will, dass mir die Leute zuhören, sollte ich das als meine Aufgabe sehen.

Der Unterschied zwischen einem Enthusiasten und einem Fanatiker besteht darin, dass der Enthusiast immer noch bereit ist, Sie als Diskussionspartner ernst zu nehmen, Ihre Argumente abzuwägen und am Ende vielleicht sogar zu sagen: „Ich verstehe deine Haltung, auch wenn ich sie nicht teile.“ Ein Fanatiker hingegen sieht sich derart klar im Recht, dass er Sie nur als Missionsobjekt wahrnimmt. Er kann sich gar nicht in Sie hineinversetzen, weil in seinem Universum Existenz erst in dem Moment anfängt, wenn Sie sich seiner Religion angeschlossen haben. Wenn Sie sich ansehen, wie über Jahrtausende Kreuz- und Eroberungsfeldzüge gerechtfertigt werden, finden Sie die Haltung immer wieder: Das Dorf, das wir gerade niederbrennen, war von Ungläubigen bewohnt. Das waren eigentlich gar keine Menschen, also kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Lassen sie sich taufen (beschneiden oder wie auch immer konvertieren), dann sieht die Lage natürlich anders aus.

Könnte man die Fanatiker einfach ignorieren, wäre das alles gar nicht so tragisch. Tatsächlich aber haben die Fanatiker äußerst viel Sachverstand. Oft haben sie die Protokolle und Techniken, von denen reden, auf einem Niveau begriffen, das ich niemals erreichen werde. Wenn Sie wollen, dass Ihnen jemand einen Server oder ein Programm richtig gut aufsetzt, dann holen Sie sich einen Fanatiker und – setzen ihn neben den Computer, während Sie sich davor setzen. Lassen Sie sich ganz genau erklären, worum es geht. Das darf ruhig etwas dauern. Wenn Sie dann alles begriffen haben, schaffen Sie den Kerl raus. Notfalls mit Gewalt, denn er wird bestimmt nicht freiwillig gehen, und dann setzen Sie das System so auf, wie Sie es für richtig halten, mit den vielen Einwänden des Fanatikers im Hinterkopf. Was dabei herauskommt, wird nicht perfekt sein. Aber es wird funktionieren.

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