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Das Internet als Lebensraum

Nachdem ich mich auf einer Podiumsdiskussion wieder einmal um die letzten Reste meiner Reputation geredet habe, gab mir das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) die Gelegenheit, für sie einen Artikel zu schreiben. Für Interessierte habe ich ihn hier in Kopie.

Vielleicht hätten wir das Internet nie für alle benutzbar bauen sollen.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen ein Telefonat nach Frankreich ernsthafte Lücken in meinen Taschengeldetat riss und es nicht nur an meinen mit »grauenhaft« noch sehr wohlwollend umschriebenen Sprachkenntnissen lag, dass beide Seiten Mühe hatten, einander zu verstehen. Heute klingt das Gespräch mit meinen Kollegen in den USA so, als säßen sie direkt neben mir. Ab Mitternacht schalte ich dann um zum Team in Malaysia, weil dort gerade die Frühschicht beginnt. Noch zu meiner Studienzeit fühlte es sich bereits aufregend an, auf einem Rechner zu arbeiten, der in einer anderen Stadt stand. Heute weiß ich bei einigen meiner Maschinen nicht einmal genau, auf welchem Kontinent sie stehen.

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Während des Shutdowns haben Sie vielleicht auch Zeit für einen längeren Text

Es gibt in der Geschichte Momente, die den Blick auf bestimmte Dinge komplett verändern. Der Fall der Mauer war ein solcher Moment, als Leute wie ich, die den Kommunismus als eine vielleicht nicht perfekte, aber doch erwägenswerte Alternative zum Kapitalismus ansahen, eingestehen mussten, dass ihre Idee offenbar nicht verfing. Die friedensbewegten Achtziger gaben noch eine kurze Abschiedsvorstellung, als sie erfolglos gegen den Golfkrieg protestierten, dann war das Kapitel der Teestubendiskutierzirkel abgeschlossen. Es folgte eine  Zeit, in der “die Märkte” (was immer das auch genau sein mag) alles regeln sollten. Es ist kein Zufall, dass der IT-Boom in das Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa fiel. Lesen Sie sich Bücher wie “Accidetial Empires” von Robert X. Cringely oder “Generation Golf” von Florian Illies durch und achten Sie dabei weniger auf den konkreten Inhalt, sondern auf den flapsigen, nassforschen und vor allem hemmungslos optimistischen Tonfall. Alles ist möglich, und wenn wir scheitern, dann stehen wir wieder auf. Das Geld liegt, wenn schon nicht auf der Straße, dann doch zumindest in den Händen einiger Risikoinvestoren, die es bereitwillig in jede Unternehmensgründung stopfen, die solide genug ist, sich eine Anschrift zugelegt zu haben. Was soll uns noch bremsen?

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36c3 – Ich will den Ruhm, schrei Mimimi, doch weiter komm ich ohne sie.

Der 36. Chaos Communication Congress, oder wie Mediziner sagen: Deutschlands Epizentrum für Infektionskrankheiten aller Art, ist vorbei, und um es gleich zu sagen: Schon lang habe ich mich auf einem Congress nicht mehr so wohl gefühlt. Es ist fast so, als hätten alle Akteure des letzten Jahres kurz Luft geholt und sich überlegt, dass sich die vier Tage doch viel entspannter leben lassen, wenn man das ganze Drama vor der Tür lässt. Die Frage, ob Hacken politisch ist, scheint geklärt (mit der Antwort: ja, es geht gar nicht anders), ebenso wie die Frage, ob die Chaosfamilie links ist (mit der Antwort: ja, und das ist nicht neu, allenfalls die Deutlichkeit, mit der wir das sagen). Fairy Dust stand wieder da, wo sie meiner Ansicht nach hingehört: mitten in der Eingangshalle. Am Eingang selbst grüßte zwar nicht die CCC-Fahne, sondern wieder ein Banner, diesmal aber mit dem feinsinnigen Unterschied, nicht irgendeine Parole einer mehr oder weniger dem Chaosumfeld zuzurechnenden Organisation, sondern ein Zitat aus der inzwischen 15 Jahre alten Unvereinbarkeitserklärung des Clubs zu präsentieren. Zu der kann man stehen, wie man will, sie ist geltende Beschlusslage und wurde meines Wissens niemals ernsthaft angezweifelt. Continue reading

Paradigmenrecycling

Du weißt, dass es Zeit ist, den Beruf zu wechseln, wenn du alle Spinnereien, die deine Branche bieten kann, einmal durchlaufen hast und erleben musst, wie die Leute wieder von vorn anfangen. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn dir nicht irgendwelche Hipsterbubis den zwanzig Jahre alten Kram als neu und heiß verhökern wollen und nicht einmal merken, wie lächerlich sie bei der Nummer rüberkommen.

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Digitale Generalabsolution

Je mehr ich mich mit Schulen beschäftige, desto mehr staune ich darüber, dass unsere Kinder dort bis zu ihrem Abschluss auch nur marginal mehr als die Schwingübungen mit Wachsmalstiften lernen. Orte, die das Erlangen von Bildung noch ineffizienter gestalten und die ihre Insassen – egal ob lehrend oder lernend – stärker frustrieren, allenfalls noch übertroffen von nordkoreanischen Militärgefängnissen. Ich könnte mich jetzt lang über die Unsitte aufregen, an den Universitäten mit der Begründung: “Von deinem Fach hast du keine Ahnung, aber fürs Lehramt reicht es aus”, Leute in die Lehramtsstudiengänge abzuschieben. Ich könnte mich über schlechte Bezahlung, abbruchreife Lernkasernen, im ministeriellen Elfenbeinturm zusammengekiffte Lehrpläne und den ständigen Sog nach unten durch bereits verbrannte Kolleginnen aufregen, die auf ihrer verbeamteten Stelle die letzten 20 Jahre bis zur Pensionierung absitzen, aber mir geht es diesmal nur um ein Detail: dienstliche Nutzung privater Computerhardware und die damit einhergehenden rechtlichen Implikationen.

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You load 16 hours and what do you get?

Der EuGH hat gesprochen und das Land ist im Aufruhr. Arbeitszeiterfassung – was für ein Anachronismus. Die meisten Kommentare beschwören das Bild antiquarischer Stechuhren herauf und damit den Muff längst vergangen geglaubter Jahre mit Steinkohlekumpeln, die in ihre Grube einfahren oder Behörden, die teilweise noch in den Neunzigerjahren ihre Angestellten mit Pappkarten an Stempelmaschinen hantieren ließen. Woher ich das weiß? Ich hatte in dieser Zeit als studentische Hilfskraft am Institut für Weltwirtschaft gearbeitet und Ärger bekommen, weil ich die Stempelei entweder ständig vergessen hatte oder gar nicht vornehmen konnte, weil ich zum Programmieren nicht unbedingt die dortigen Büroräume brauchte.

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Selbstgehostetes Grauen

Es klingt so einfach: Statt viel Geld für externe Dienstleistungen auszugeben und dann doch nicht das zu bekommen, was man eigentlich wollte, stellt man sich doch lieber selbst einen Server in den Keller und betreibt die eigene Infrastruktur dort. Für Privatpersonen, Familien oder kleine Vereine mag das sogar eine gute Idee sein. Sobald aber eine größere Menge Menschen vom stablien Betrieb des Servers abhängt, und “größer” kann hier je nach Kritikalität schon bei einem oder zwei Dutzend Menschen anfangen, lautet meine Empfehlung: So lange ihr nicht mindestens ein oder zwei bezahlte Leute habt, die sich in Vollzeit um Eure IT kümmern, lasst es bleiben. Das gilt auch und insbesondere für Schulen.

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Abratende Akzeptanz

Nachdem der EKD-Datenschutzbeauftragte im Mai 2018 den dienstlichen Gebrauch von Whatsapp praktisch ausschloss, hat er jetzt seine Haltung relativiert. Viele zitieren von seiner dreiseitigen Stellungnahme exakt einen Satz:

Vom Einsatz dieser Messenger-Dienste [Whatsapp und Telegram] wird deswegen abgeraten.

und schließen daraus messerscharf: Abraten ist etwas Anderes als Verbieten – dann ist ja alles super, wir können also Whatsapp weiter nutzen.

So einfach scheint mir das nicht zu sein.

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Durchatmen nach dem Doxing

In diesen Tagen verbal auf dem Teppich zu bleiben, ist nicht gerade einfach. Da häuft ein fleißiger Teenager mit viel Geduld und wenig technischem Können einen Haufen persönlicher Daten über eine Reihe mehr oder weniger prominenter Personen an, und die Republik steht Kopf. “Warum muss es erst Jan Böhmermann erwischen, bis ihr aufwacht?” “Seit sechs Jahren predigen wir euch fast im Wochenrhythmus, ihr sollt eure Passworte wechseln, und ihr winkt ab. Warum seid ihr jetzt so überrascht, wenn der längst überfällige Knall kommt?” Ich hätte noch ein paar spitze Bemerkungen, andererseits bringt es nicht besonders viel, sich mit großer Geste das “Told-you-so”-T-Shirt überzustreifen. Dafür bietet das Thema zu viele interessante Aspekte. Jetzt, da sich die erste Aufregung gelegt hat, können wir uns die Zeit nehmen, einige davon etwas ruhiger anzusehen.

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Der 35c3, die Politik und das Fotografierverbot

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Der 35. Chaos Communication Congress ist leider vorbei. Jetzt setzt offenbar die Post-Congress-Depression ein. Schon während der Veranstaltung hatte ich das mulmige Gefühl: Es läuft zu glatt. Es gibt zu wenig Ärger. Die Leute kommen zu gut miteinander aus. Die Koordination ist zu gut. Die Verpflegung ist zu professionell organisiert. Das Netz ist zu stabil. Es gibt zu wenig Schlangen. Auch auf Twitter, in meinen Augen dem Drama-Medium schlechthin, gab es zwar einige nette Versuche marktschreierischer Selbstinszenierung, aber die verpufften überraschend schnell. Die Protagonisten scheinen sich ihre schlechte Laune für Tag 5 aufgehoben und dabei übersehen zu haben, dass da schon abgebaut wird. Das finde ich sehr freundlich, so bleibt das Geschrei wenigstens in der Familie.

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